Blick über den Zaun . . .
. . . ist ein Verbund reformpädagogisch orientierter Schulen, der seit 1989 besteht, um Schulentwicklung „von unten" zu betreiben.Ziel des ‚Blick über den Zaun' ist es, durch regelmäßige wechselseitige Besuche („peer reviews"), durch Tagungen und das Anwerben weiterer Schulen dazu beizutragen, dass Schulen im direkten Erfahrungsaustausch voneinander lernen: einander anregen, ermutigen, unterstützen.
Dienstag, 23. März 2010 um 13:42 Uhr
In einem Beitrag in der FAZ vom 15.3.2010 wirft der Züricher Bildungshistoriker Jürgen Oelkers verschiedenen Reformpädagogen ihre politische Haltung vor hundert Jahren vor und weitet diese (berechtigte) Kritik zu einer (überzogenen) Fundamentalattacke auf „die“ Reformpädagogik heute aus. Im folgenden Beitrag (abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung vom 22.3.) nimmt Hans Brügelmann, Sprecher des „Blick über den Zaun“, Stellung zu den von Oelkers vertretenen Thesen und ähnlichen Angriffen auf reformpädagogisch orientierte Schulen und Initiativen.
Lernende Reformpädagogen
Historische und aktuelle Verfehlungen sind aufzuarbeiten – Pauschalkritik geht fehl / Von Hans Brügelmann
In: Süddeutsche Zeitung, 22.3.2010
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In der Debatte über Missbrauchsfälle an Schulen und speziell an der Odenwaldschule in Heppenheim ist mittlerweile die gesamte Reformpädagogik in die Kritik geraten. Es sieht so aus, als hätten manche Wissenschaftler und Publizisten nur darauf gewartet, einmal grundsätzlich mit reformpädagogischen Ideen abrechnen zu können. Sie verweisen deshalb auch auf die unrühmlichen ideologischen Verstrickungen, die einige Reformpädagogen zur Zeit des Nationalsozialismus betreffen. Eine pauschale Fundamentalkritik läuft jedoch leer, weil es ,,die‘‘ Reformpädagogik schon vor hundert Jahren nicht gab. Vor allem verliert sie die ernsten Fragen aus dem Blick, die die Missbrauchsfälle für alle Pädagogen aufwerfen. |
Das gilt auch für die Landerziehungsheime, die zurzeit ins Visier genommen werden. Diese waren und sind für die Schulentwicklung besonders interessant: als Herausforderung für die hierzulande weiterhin übliche Halbtagsschule, weil Internate Bildung nicht auf Unterricht reduzieren. Als Anregung, weil immer mehr Schulen sich zu Ganztagseinrichtungen entwickeln und das Verhältnis von Lernen und Leben in der Institution neu bestimmen müssen. Aber auch als Warnung. Denn die erschütternden Berichte aus der Odenwaldschule und anderen Einrichtungen sprechen dafür, dass menschliche Nähe auch das Risiko persönlicher Abhängigkeit erhöht - und ihres Missbrauchs, wenn nicht respektvoll und selbstkritisch mit ihr umgegangen wird.
Aus dem Fehlverhalten einzelner - wenn auch prominenter - Pädagogen pauschale Urteile über reformpädagogisch orientierte Einrichtungen und Initiativen abzuleiten, ist jedoch nicht zulässig. Denn zu deren entscheidenden Antriebskräften zählt der bedingungslose Widerspruch gegen jede Form von Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen, strukturelle wie personale. Grundlage jeder Erziehung ist die Beziehung von Erwachsenen und Kindern. Und diese Beziehung macht immer verletzlich und ist es auch unvermeidlich selbst , gleich in welcher Einrichtung und unter welcher Programmatik. Dies gilt in Vereinen, Schullandheimen, Kommunionsgruppen, Internaten, aber auch in Familien. Diese Spannung ist vielen Schulen und Lehrern, die sich an reformpädagogischen Ideen orientieren, bewusst, aber ohne institutionelle Sicherungen war das offensichtlich nicht genug.
Im Reformverbund ,,Blick über den Zaun‘‘ (BüZ) haben sich über 100 staatliche und freie Schulen, darunter Halbtagsschulen und Internate, zusammengeschlossen, um voneinander zu lernen. ,,Dem einzelnen gerecht werden‘‘- so heißt die zentrale Leitidee dieses Verbunds.
Sie bedeutet nicht, jedem Schüler ein gesondertes Arbeitsblatt bereitzustellen. Sie fordert vielmehr inhaltlich und methodisch Raum und Aufmerksamkeit für die individuellen Zugänge der Schüler. Sie fordert aber auch die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen und Sichtweisen der anderen. Individualisierung bedeutet also nicht Isolierung und ebenso wenig Beliebigkeit. Damit sie nicht als bloße Methode missverstanden wird und um die Rechte der Kinder ernst zu nehmen, wurde als weitere Grundüberzeugung formuliert: ,,Demokratie lernen und leben‘‘.
Werte müssen gelebt, demokratisches Handeln muss Teil des Schullebens sein. Anders als es die Verweise auf politisch fragwürdige Vorläufer suggerieren, wollen Reformpädagogen heute autoritäre Strukturen überwinden. Einrichtungen wie Klassenrat und Schülerparlament zeigen, wie die Mitverantwortung der Schüler gestärkt und die Lösung von Konflikten transparenter werden kann.
Umfang der Schülermitwirkung und deren Formen unterscheiden sich in den Mitgliedsschulen des Reformverbunds ,,Blick über den Zaun‘‘. Aber alle haben sich verpflichtet, Selbst- und Mitbestimmung im Schulalltag zu stärken. Gedanken und Erfahrungen von Reformpädagogen wie Dewey, Freinet, Geheeb, Kerschensteiner, Korczak, Montessori und Oestreich können dabei auch heutigen Schulen Impulse geben. Allerdings können Ideen und Modelle nicht unhinterfragt übernommen werden. Bewusst haben die Reformschulen von ,,Blick über den Zaun‘‘ als eine weitere Leitidee formuliert: ,,Reformen von innen und von unten: Gute Schulen entstehen nicht von selbst. Verantwortlich für eine Schule sind diejenigen, die sie gestalten.‘‘
Mitwirkungsgremien und Peer-Review sind keine Allheilmittel, und die Schulen des Verbunds ,,Blick über den Zaun‘‘ keine Inseln der Seligen. Das wissen die Mitgliedsschulen selbst am besten, und darum erproben sie Formen der Evaluation, die die Schulentwicklung fördern können. Dies schließt auch die Reflexion der Lehrerrolle mit ein, das immer neue Ausbalancieren von Nähe und Distanz, von Freiheit und Grenzen. Statt von „pädagogischem Eros“ oder „Liebe zum Kind“ wird man dabei zukünftig klarer von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung sprechen müssen, wenn die Qualität der notwendigen persönlichen Zuwendung benannt werden soll.
Auf seiner Tagung im Mai wird der ,,Blick über den Zaun‘‘ diese Fragen erneut thematisieren, um eine klare Trennlinie zu formulieren zwischen der (Für-)Sorge um das einzelne Kind und den einzelnen Jugendlichen und einem von zu großer Nähe und im Extremfall von Missbrauch gekennzeichnetem Verhalten der Pädagogen. Außerdem wird in einem umfassenderen Sinn, als in der gegenwärtigen öffentlichen Debatte fokussiert, über Hilfe und Verfahren für Schulen nachgedacht, die sich mit Fehlverhalten ihrer Lehrer konfrontiert sehen. Hierzu gehören verbale Herabsetzungen von Schülern ebenso wie die Suchtkrankheit eines Lehrers - und körperliche Übergriffe und sexuelle Gewalt. Bis diese Fragen befriedigend geklärt werden, bleibt die vielfach geforderte „Professionalität“ ein leeres Zauberwort.
Hans Brügelmann ist Professor für Erziehungswissenschaft in Siegen und Sprecher des Verbunds der Reformschulen ,,Blick über den Zaun‘‘.










Lernende Reformpädagogen - Hans Brügelmann in der Süddeutschen Zeitung


